Musterstädtle
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Musterstädtle der Energiewende

In Heidelberg entsteht die größte Passivhaus-Siedlung der Welt. Dank Niedrigenergie-Bauweise und Holzheizkraftwerk wird die „Bahnstadt“ zur Null-Emissions-Siedlung für fast 7000 Menschen. Das Viertel wird allerdings bald übertroffen werden – von Nachbauten in China.

Die Bahnstadt ist ein radikaler Stadtteil, auch wenn er auf den ersten Blick nicht so wirkt. Hier neben dem Heidelberger Hauptbahnhof, wo bis 1997 die Güterzüge rangierten, stehen und entstehen Gebäude, die von außen austauschbar aussehen – weiß, würfelförmig, aus der Vogelperspektive eine Schuhkartonsammlung. Die es aber in sich haben. Die Wohnhäuser, die Schule, der Baumarkt: allesamt Passivhäuser, die so gut wie keine Heizung brauchen. Der Luxor-Filmpalast, 15 Säle, ist das erste Passivhaus-Kino der Welt. Und der „Bienenstock“ dürfte der weltweit erste Passivhaus-Puff sein, aber hierzu halten sich Heidelbergs Stadtväter bedeckt.

Heidelbergs jüngster Stadtteil ist ein genügsames Musterstädtle, in zukunftsorientierter Energiesparbauweise errichtet. Auf 116 Hektar, einer Fläche so groß wie 200 Fußballfelder. Die größte Passivhaus-Siedlung der Welt. Ein Holzheizkraftwerk, überwiegend mit Holzresten aus der Landschaftspflege betrieben, macht die Bahnstadt bilanziell zum Null-Emissions-Stadtteil. Schon 4000 Menschen leben hier. Fast 7000 sollen es nach der Fertigstellung 2022 sein – das sind knapp fünf Prozent der derzeit 150.000 Einwohner Heidelbergs. Dann dürften, so die offizielle Schätzung, rund zwei Milliarden Euro verbaut worden sein.

Es ist eine Investition in die Zukunft. Denn die Städte von morgen werden weit weniger Energie verbrauchen müssen als die Städte von gestern und heute. Das deutsche Klimaziel für 2050 lautet: minus 80 bis 95 Prozent Treibhausgase im Vergleich zu 1990. Zwar wurde in Deutschland im ersten Halbjahr 2018 erstmals mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt als aus Kohle. Eine gute Nachricht. Doch grünere Energie reicht nicht; wir müssen ihren Verbrauch radikal herunterfahren. Und kaum irgendwo sind solch große Einsparungen möglich wie beim Beheizen unserer Häuser – schlicht, weil unsere Gebäude bisher solche Energieverschwender sind.

„In Deutschland gibt es – anders etwa als in Skandinavien – keine klare politische Linie, die besagt: Wir wollen energieeffizienten, bezahlbaren Wohnraum für alle“, sagt Barbara Metz, stellvertretende Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe. Dabei entfalle gut ein Drittel des deutschen Endenergieverbrauchs auf den Gebäudesektor. Mehr als auf den Strom (28 Prozent) und den Verkehr (29 Prozent). Laut Statistischem Bundesamt benötigen die Haushalte 70 Prozent der Gebäudeenergie fürs Heizen. „Da gibt es ein riesengroßes Einsparpotenzial für Energie und Treibhausgase“, so Metz.

Das Feature von Markus Wanzeck (Text) und Christoph Püschner (Fotos) ist erschienen in Stern 45/2018.

Markus Wanzeck

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Markus Wanzeck ist Redakteur beim Magazin natur, Reporter und Redakteur bei Zeitenspiegel Reportagen und Vorsitzender des Deutsch-Chinesischen Mediennetzwerks e.V.