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Ruhepol in der Rettungskette

In einem Feldlazarett versorgen Sanitäter Verwundete. Mittendrin kümmert sich Militärpfarrer Christopher Schuller um Patienten und Retterinnen. Eine Übung, bei der es dramatisch wird, aber der Ernstfall ausbleibt

Ein Krankenkraftwagen hält vor dem Feldlazarett. „Kann mir jemand helfen?“, ruft eine Soldatin mit blutigem Gesicht und verbundenen Augen. Eine weitere Soldatin kann nichts hören und ein Soldat ist bewusstlos – sein Unterschenkel ist abgerissen. Mehrere Sanis bringen die drei ins Feldlazarett „Role 2 Bravo“, das mit Schockraum, Intensivstation und OP-Saal ausgestattet ist.

Die Verwundeten kommen von der Front. Dort rücken gegnerische Truppen aus dem Land „Wislanien“ auf die Nato-Kräfte vor. Wislanien ist ein alter Bekannter der Bundeswehr – in Übungsszenarien. Gerade wird im Rahmen von „Cobalt Grizzly 2025“ 48 Stunden am Stück geübt. Die beiden „grünen“ Patientinnen sind Soldatinnen in darstellender Funktion, der „rote“ Patient ohne Unterschenkel ist eine Puppe.

1000 Verwundete pro Tag

Geübt wird die Versorgung der Verwundeten in Feldlazaretten. Dafür haben im November 260 Soldatinnen und Soldaten des Sanitätsregiments 1 Führungsbereich Berlin für zehn Tage in die Oberlausitz verlegt. Es ist eine von mehreren Sanitätsübungen im vergangenen Jahr, mit denen sich die Bundeswehr auf die Landesund Bündnisverteidigung vorbereitet. Im Falle eines Angriffs von Russland auf die Nato-Länder wird mit bis zu 1000 Verwundeten pro Tag gerechnet.

Auch der evangelische Militärpfarrer Christopher Schuller ist Teil des Szenarios. Er soll üben, wie er Sanitäter, Ärzte und Patienten moralisch unterstützen, Sterbenden Beistand leisten und Toten eine würdige Andacht halten kann.

Weil Sanitäter fehlen, tastet Christopher Schuller die taube Soldatin ab. Er prüft, ob seine Hände blutig werden, wo sie Schmerzen hat. So hat er es in seiner Ausbildung zum Rettungssanitäter gelernt. Als Seelsorger ist das eigentlich nicht seine Rolle. „Aber wenn Not am Mann ist, kann ich nicht tatenlos zusehen“, sagt er.

Als die Patientin unruhig wird, sagt Schuller laut: „Sie sind hier sicher.“ Sie versteht ihn nicht. Jemand gibt Schuller Zettel und Stift. „Sie sind hier sicher! Wir kümmern uns!“, schreibt er darauf und hält ihn ihr hin. Sie nickt. Dann bricht der Schiedsrichter die Fotos: Verena Brüning Szene ab. Er ist zufrieden.

Wenn jemand schwerer verletzt, aber noch bei Bewusstsein ist, würde Schuller anbieten, mit ihm zu beten. Viele würden das annehmen, auch wenn sie nicht gläubig sind, sagt er. Aber es sei wichtig, Einvernehmen herzustellen. Falls keine Konfession auf der Erkennungsmarke steht, notfalls mit Zeichensprache. „Ich würde nie einfach drauflosbeten bei jemandem, den ich nicht kenne“, sagt er. Und er sei auch für die da, die eine andere Religion haben. „Wenn mich zum Beispiel ein Muslim fragt, ob wir das Glaubensbekenntnis beten können, würde ich das sofort machen. Ich kann es aber nur auf Deutsch.“

Christopher Schuller kommt bei den Soldaten gut an. Auch bei Hannes, einem jungen Sanitäter, der mit Kirche nicht viel anfangen kann: „Christopher ist mein Fels in der Brandung. Wenn alle eine Fresse ziehen, lächelt er trotzdem“, sagt er. Die Arbeit im Schockraum verbindet.

Um Leben ringen

Andere kennen Schuller von der Nato-Übung „Quadriga 2024“ in Litauen oder aus dem Bundeswehrkrankenhaus Berlin, wo der Pfarrer sein Büro hat. Als Schuller am Morgen vor der Übung einen Feldgottesdienst zum Volkstrauertag hält, ist auch Hannes mit dabei.

„Der Volkstrauertag ist kein unkomplizierter Gedenktag“, sagt Schuller. „Wir kämpfen gegen unsere Sterblichkeit und viele haben den Wunsch, etwas Großes in die Welt zu setzen, das uns überlebt.“ In Deutschland hat das viele Opfer und Täter hervorgebracht, Mörder, aber auch Lebensretter. „Wir haben die Macht und die Freiheit, den Menschen zuerst zu sehen.“ Und das ungeachtet dessen, ob es sich um einen Feind handele oder nicht.

Christopher Schuller hat selbst schon um viele Leben gerungen. „Als Jurist habe ich viel mit Menschenrechten zu tun gehabt, aber zu wenig mit Menschen“, sagt er. Mit 30 fing er an, Theologie zu studieren, seit Anfang 2024 ist er Militärpfarrer beim Sanitätsregiment 1 in Berlin. „Es ist eine richtig geile Art, Pfarrer zu sein“, sagt er. Es ist das Beharren auf der Menschlichkeit, auch in wirklich schlimmen Situationen, was ihn so mit den „Sanis“ verbindet. Und er ist gern Seite an Seite mit seiner Gemeinde. „Einmal hat ein Notfallsanitäter eine Reanimation als Armdrücken mit dem lieben Gott bezeichnet.“ Der Vergleich gefällt ihm.

Gleich zu Beginn der Übung wird Schuller zum Einsatz in den Gefechtsstand gerufen. Neben dem Eingang sitzt ein junger Soldat und guckt sich hektisch um. Als der Pfarrer sich zu ihm setzt, herrscht der Soldat ihn an: „Lassen Sie mich in Ruhe, Sie können sich gar nicht vorstellen, was für Bilder das waren!“ Schuller antwortet ruhig: „Nein, das kann ich nicht.“ Er fragt ihn, wie alt er ist und wo er seine Grundausbildung gemacht hat. Der Soldat, ein Krankentransportfahrer, antwortet, dann übernehmen wieder die Bilder in seinem Kopf. Schuller fragt weiter. „Was sehen Sie?“ – „Ich sehe ein Schild, Spandau, da sind wir stationiert.“ – „Gut, was sehen Sie noch?“

Eine Panikattacke

Immer wieder holen den Soldaten die Erlebnisse an der Front ein. Immer wieder holt Schuller ihn durch Fragen zurück in den Gefechtsstand, sagt ihm, dass er hier sicher sei. Damit er zur Ruhe kommt, gibt er ihm eine Aufgabe: Er soll ein Trinkpäckchen halten. Dann macht er mit ihm Atemübungen. „Es ist absolut in Ordnung, Angst zu haben. Ich habe auch Angst. Unser Auftrag ist, es trotzdem zu tun“, sagt Schuller. Der Soldat wird ruhiger. Bevor er wieder seinen Posten einnehmen könne, solle er aber erst mal schlafen.

Im Auto sagt Schuller: „Eine Panikattacke.“ Ob sich ein langfristiges Trauma ergibt, hänge auch davon ab, ob der Mensch sich in so einer Situation noch als jemand begreift, der eigene Handlungsmöglichkeiten hat. „Schlecht wäre es, wenn er die Situation als eine Art Wetterlage sieht, die er nicht beeinflussen kann.“

Unterdessen werden die Ärztinnen zu einem Einsatz ins Feldlazarett 2 Foxtrott gerufen, das nahe der Front liegt. Im größeren Lazarett, der Role 2 Bravo, ist es ruhig. Gegen Mitternacht schlafen die meisten. Auch Schuller liegt auf einer Liege der Notaufnahme, die Augen geschlossen. Unteroffizier Hannes und die Teileinheitsführerin Alexandra nutzen ihre Wache, um Taschenkarten durchzugehen. 26 Jahre und vier Dienstgrade liegen zwischen ihnen. „Wir albern rum, drücken uns Sprüche, aber wenn sie sagt ‚mach‘, mach ich“, sagt Hannes. Hauptfeldwebel Alexandra lächelt ihn an. Kameradschaft war für Hannes ein Grund, zur Bundeswehr zu gehen.

Im Kuchenhinterhalt

Um kurz nach Mitternacht weckt Zugführer Sven den Pfarrer. „In fünf Mike?“, fragt Schuller wie benommen. Schuller braucht länger. Auf dem Weg ins andere Lazarett fragt der Fahrer: „Haben Sie die Parole im Kopf?“ Hat Schuller nicht. Dafür hat gerade sein 40. Geburtstag angefangen.

Im kleineren Lazarett angekommen, sieht Schuller einen Oberstabsfeldwebel in Blaumann und mit angeklebtem Oberlippenbart herumlaufen. Ein Hinterhalt der Wislanier? Dann singen die Ärzte und Sanitäter für ihn und es gibt Regenbogensahnetorte mit bunten Streuseln drauf. Beim Gratulieren sagt der Bataillonskommandeur: „Der Gottesdienst gefiel mir übrigens sehr gut. Hat mich ein bisschen erwischt.“

Über das Kompliment freut sich Schuller. „Mein Anspruch ist es, eine Brücke zu bauen zwischen den Texten in der Bibel und den Menschen, die ich vor mir habe.“ Zurück fährt der Pfarrer mit einem Lächeln. Was ist schon Tiefschlaf, wenn man in einen „Kuchenhinterhalt“ gelockt wird?

Am frühen Morgen werden Schwerverwundete mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus weitertransportiert. Zwei Ärztinnen fliegen mit. Zurück beim Frühstück fragt eine von ihnen, ob Schuller nicht gern mal bei den Fallschirmjägern wäre. „Ich spring nicht so gern aus Hubschraubern“, sagt er. „Du könntest ja auch aus dem Flugzeug springen“, sagt die Oberfeldärztin. Schuller lacht. „Für mich ist die Sanität mein Fallschirmsprung.“ Was andere Soldatinnen und Soldaten körperlich durchmachten, müssten Sanitäter psychologisch durchmachen. Sie seien permanent am „scharfen Ende“ ihres Dienstes. „Und um sich mit Gott anzulegen, muss man ziemlich tapfer sein.“

Es tut gut, wenn das mal jemand sagt. Die Sanität wird unter Soldaten oft weggelächelt, so der Eindruck vieler. Spricht man mit Hauptfeldwebel Jacqueline, einer 36-jährigen Fachkrankenpflegerin für Anästhesie und Intensivmedizin im Bundeswehrkrankenhaus, könnte man meinen, die Übungen seien fast Erholung.

Etwa 30 Prozent ihrer Intensivpatienten im Bundeswehrkrankenhaus schafften es nicht. „Manchmal gibt es jede Woche einen Toten, manchmal sogar jeden Tag, dann wieder stirbt wochenlang niemand. Da fragt man sich schon, warum.“ Harte Entscheidungen Für Jacqueline ist es eine große Hilfe, dass sie im Krankenhausalltag mal eben zu Menschen wie Schuller und seinen Kolleginnen gehen kann, die außerhalb der Hierarchie stehen. „Es tut gut, wenn jemand zuhört, der nicht wertet“, sagt sie.

Zwei Dinge würde Pfarrer Schuller gerne noch üben. Erstens: einen Mass Casualty (Mascal), also einen Massenanfall von Verwundeten. Wo würde er am dringendsten gebraucht, wenn Ärzte und Sanitäter versuchen, möglichst vielen zu helfen, aber nicht jedem helfen können? Schuller vermutet, dass sie am meisten mit ihrem erschütterten Selbstbild zu kämpfen haben werden. „Die haben die Erfahrung, fast jeden retten zu können“, sagt er. „Was sie nicht kennen, ist das Gefühl: Ich hätte ihn retten können, wären mir nicht die Medikamente ausgegangen.“

Eine besondere seelische Last liegt auf jenen, die sagen müssen, wer behandelt wird und wer wegen mangelnder Kapazitäten auf die Palliativstation kommt. Bei dieser Übung ist das die Aufgabe von Oberfeldärztin Melanie. „Man entscheidet über Leben und Tod“, sagt die 49-jährige Reservistin.

Stresstest für die Sanis

Dank und Anerkennung helfen da viel, sagt der Pfarrer. „Leider ist man in Deutschland und auch bei der Bundeswehr sehr knauserig damit, als würde es 1000 Euro pro Wort kosten“, sagt Schuller, der in den USA aufgewachsen ist. Es helfe auch, den Sanitätern bewusst zu machen, wie viel sie bewegen. „Erfolg entsteht nicht erst dann, wenn der Patient weiterlebt, sondern auch, wenn er einen schöneren und weniger qualvollen Tod gestorben ist.“

Tatsächlich kommt am Ende der Übung noch ein Mascal. Schuller muss sich um viele grüne Patienten gleichzeitig kümmern. Am liebsten würde er sich zerteilen, um ihren Schmerz, ihre Angst, ihre Trauer auszuhalten. „Seelsorge heißt, sich komplett auf den anderen einzulassen.“ Doch das geht beim Mascal nicht. Immerhin: Die Sanitäter und Ärztinnen kommen gut mit der Situation zurecht, allerdings stirbt auch niemand im Übungsszenario.

Schon bei Schullers erster Sanitätsübung haben alle überlebt. „Ganz realistisch ist das ja nicht“, sagt er. Ein Hauptmann erklärt, dass nach dem Ausbildungsgrundsatz ein Ableben eines Patienten nicht vorgesehen ist, weil es zu stark demoralisiere. Auf Nachfrage heißt es vom Sanitätsdienst, dass es derzeit keine Ausbildungsinhalte für den Umgang mit Sterbenden für ein Szenario der Landes- oder Bündnisverteidigung gibt. Aber man arbeite dran.

Den Umgang mit dem Tod ist die zweite Sache, die Schuller gerne üben würde. Er hat sich vorher mit Kollegen dazu ausgetauscht und sich Gedanken gemacht. Praxiserfahrungen zum Nachlesen wären hilfreich, findet er. Nun probiert Schuller selbst aus, was praktikabel ist und sich angemessen anfühlt.

Den Ort der Totenablage hat er schon mit dem Feldkreuz markiert – um ihm Würde zu verleihen und damit keine Soldaten unvorbereitet dort hineinlaufen. Doch die ausgelegten Totensäcke bleiben leer. Als er die Aussegnung zum ersten Mal probt, gilt Sicherheitsstufe 2. Seine Kette mit dem silbernen Kreuz bekommt er nicht über den Helm gezogen. Beides zusammen hat er noch nie getragen.

Beten für einen Gefallenen

Dann holt er die Bibel aus der Schutzweste und liest den 90. Psalm vor: „Gott, du bist unsere Zuflucht von Generation zu Generation. Ehe die Berge waren und das Meer, warst du ja, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du lässt den Menschen zum Staub zurückkehren…“

Dann betet er: „Gott, ich bitte zu dir, nimm diese gefallenen Kameraden auf in deinen Frieden. Sei bei den Menschen, die um sie trauern werden. Sei bei uns, die wir weiter versuchen, Leben zu retten, und vergib uns den Krieg und die Gewalt, die zu diesen Toten geführt hat. Segne deren Ausgang und Eingang. Von nun an bis in Ewigkeit. Amen.“

Ob er das auch so machen würde, wenn in der Mascal-Lage niemand außer ihm da wäre? „Ja, aus Überzeugung und als Zeichen für die anderen: Wenn du stirbst, macht das auch jemand für dich.“

Katharina Müller-Güldemeister

 

Status von Patienten

Grün: leicht verletzt

Gelb: schwer verletzt

Rot: akut lebensbedrohlich verletzt

Blau: ohne Überlebenschance

Schwarz: tot

 

Rettungskette der Bundeswehr

Ebene 1: Rettungsstationen der 1. Ebene („Role“) nahe der Front, in denen Verwundete am Leben gehalten und stabilisiert werden.

Ebene 2: Rettungszentren (Feldlazarette) etwa 40 Kilometer im Hinterland zur notfallchirurgischen Versorgung.

Ebene 3: Einsatzlazarette zur klinischen Akutversorgung von Verwundeten.

Ebene 4: Bundeswehrkrankenhäuser oder zivile Kliniken zur abschließenden Versorgung und Rehabilitation.