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Unter Strom

Tief unter der Erde schlummert ein Schatz, der die Mobilität von morgen sichern soll: Lithium. Doch wie nachhaltig und klimaneutral ist diese Schlüsselressource der Zukunft?

Der 58 Meter hohe Bohrturm ragt zwischen Maisfeldern in den blauen Himmel. Auf der Plattform, zehn Meter über dem Boden, weht ein kräftiger Wind. Stahl klirrt, es riecht nach Metall und feuchter Erde. Arbeiter in neongelber Schutzkleidung beaufsichtigen die rostigen Bohrstangen, die Stück für Stück aus dem Boden gezogen werden. Schlamm tropft an ihnen herunter.

Es ist die sogenannte Spülung, die dafür sorgt, dass das Bohrwerkzeug drehen und arbeiten kann. „Von der Konsistenz her so ähnlich wie diese Trink-Snacks“, erklärt Betriebsleiter Paul Niemann, 36, der mit kräftigen Gesten und einem offenen Lächeln trotz der harten Arbeit jungenhaft wirkt. „Die Spülung wird in  den Bohrstrang gepumpt und strömt mit dem Gesteinsklein wieder nach oben.“ Siebanlagen trennen die Bohrreste, die Flüssigkeit selbst läuft weiter im Kreis. „Das ist technisch effizient und zugleich ressourcenschonend“, erklärt er.

An dem gewaltigen Flaschenzug, der bis zu 500 Tonnen hebt, hängt der Bohrstrang, der tief ins Gestein vordringt. An seiner Spitze arbeitet sich ein Meißel in mehr als drei Kilometern tief  in den Untergrund. Um Zeit zu sparen, sind jeweils drei Stangen miteinander vorverschraubt. „Das beschleunigt die Arbeit erheblich. Time is money“, sagt Niemann und verschränkt die Arme.

Ein hydraulischer Schraubarm, den die Männer „Iron Roughneck“ nennen, löst die Verbindung automatisch. Doch heute haben sich die tonnenschweren Bohrstangen festgefressen, weil das Schmierfett im Gewinde durch die Hitze eingetrocknet ist. „Da müssen wir Old School ran“, ruft Niemann. Zwei Männer hieven zwei metergroße Zangen an die Stangen, Stahlketten rasseln,. „Back off“, warnt einer. Alle treten zurück. Ein falscher Moment, und die Zangen könnten abrutschen und ausschlagen.

Auf den ersten Blick wirkt die Szenerie wie aus der Welt von Erdöl und Erdgas. Doch hier geht es nicht um fossile Schätze, sondern um unsichtbare Energiequellen: Erdwärme und Lithium. Ressourcen, die den Übergang in eine klimaneutrale Zukunft möglich machen sollen. […]

Erschienen am 10. Januar 2026 in verschiedenen deutschen Tageszeitungen.

Fotos: Frank Schultze/ Zeitenspiegel